In deiner Gegenwart
1. Auflage | Leseprobe (PDF)
Anna ist eine attraktive Frau, die ihr Volontariat beginnt. Zusammen mit der besten Freundin bewohnt sie endlich ihre eigenen vier Wände. Doch was wie ein schönes Leben als junger Erwachsener klingt, ist in Wahrheit mit großen Problemen verbunden: Täglich wird Anna von ihrem Chef gemobbt. Als wäre das nicht schon genug, führt ihre aufbrausende Art nicht nur zu Spannungen zu Hause, sondern auch zu weit gefährlicheren Konflikten. Anna begegnet Mark. Und es dauert nicht lange, bis sie sich wünscht, ihn nie getroffen zu haben…
André Linke (Co-Autorin)
Verena Achenbach (Illustratorin)
Titel: In deiner Gegenwart
Reihe: Bände in sich abgeschlossen. Anzahl offen.
Release: 1. Aufl. März 2010 (lieferbar)
Format: 12,5 x 17,6 cm
Umfang: 146 Seiten s/w
Klassifikation: Taschenbuch, Novel
Genre: Erzählende Literatur, Drama, Erotik
Zielgruppe: Jugendliche, junge Erwachsene
Bei IN DEINER GEGENWART handelt es sich um eine eine Erotik-Geschichte, bei der es nicht um direkt geschilderte Sex-Szenen, dafür aber um gekonnt umschriebene intime Momente geht. Angesprochen wird damit die jugendliche bzw. junggebliebene Leserschaft, hauptsächlich junge Frauen; der Text ist für die vielen Anhänger von Anime und Manga gedacht.
Im Vordergrund steht dabei das zeitlos beliebte Bild vom “dominanten Schönling” und der “schüchternen Augenweide”, wie es oft in erfolgreichen Werken der breitgefächerten Gattung “Shojo” zu finden ist. Tiefgang bekommt die Geschichte durch die Beschäftigung mit der Selbstfindung der Figuren: Wo liegt die Grenze zwischen Liebe und Wahnsinn, zwischen Sehnsucht und Schmerz, zwischen Aufdringlichkeit und Stalking? Im Laufe der Geschichte finden die zwei Hauptpersonen heraus, wo Moral aufhört und Verbrechen anfängt, und was sie eigentlich wollen. Der Leser fiebert bei der spannenden, erotischen Liebesgeschichte mit. Charakterzüge und Dialoge orientieren sich dabei stark an denen der japanischen Zeichenkunst, auch der jugendliche Erzählstil richtet sich an die Zielgruppe.
‘Warum klopft mein Herz so schnell? Hübsche Männer sehe ich ständig… Unverschämte erst recht.’
Anna verstand die Welt nicht mehr. Ihre eigene Welt, in der sonst alles seinen Platz zu haben pflegte. Sie hoffte, dass sich ihr Kreislauf beruhigen sollte, würde sie sich nur oft genug sagen, dass dieser Mark nichts besonderes, gar abstoßend wäre. Stark und schön war er zweifellos. Sein Charakter allerdings ließ offensichtlich zu wünschen übrig, und genau darauf musste Anna sich jetzt konzentrieren, wollte sie nicht den Verstand verlieren. Auch mochte sie ihre beste Freundin nicht noch einmal grundlos anschnauzen. Das durfte sich nicht wiederholen. Es musste aufhören. Sofort.
Als hätte sie zu jemand anderem als sich selbst geredet, fuchtelte Anna mit den Händen herum. ‘Geht es hier gerade um Kara, oder um Mark? Um beide? Na, wer ist wohl wichtiger?’ Sie war sich aber nicht mehr sicher. ‘Erstmal geht es um mich’, dachte sie dann.
Zaghaft trat die junge Frau weiter in den Raum hinein. Sie fühlte sich wohl in dem Zimmer, doch es gehörte nicht ihr. Es gehörte dem Vater von Joshua. Dem Vater eines Bekannten, der im Elternhaus gerade eine riesige, unpersönliche Party schmiss. Dieser flüchtige Freund… Anna konnte nicht sagen, woher sie ihn überhaupt kannte. Irgendwann war er da gewesen, als kleiner Teil ihres Lebens. Seitdem machte er ab und zu mit Kara rum. Joshua war in Ordnung. Er war ein Draufgänger, doch er tat niemandem weh. Nicht soweit Anna wusste. Nein, eigentlich war dieser Bekannter Joshua okay. Er war nur ausgerechnet der beste Freund von Mark.
Anna entglitt ein tiefer Seufzer, als dadurch Mark in ihre Gedanken zurückfand. Nicht, weil sie ins Schwärmen geriet. Vielmehr musste sie feststellen, dass sie es für keine einzige Minute ausgehalten hatte, nicht an den schönen Fremden zu denken. Obwohl sie sich genau das vorgenommen hatte. Oder gerade deswegen.
“Oh Gott!”, rief sie vor Entsetzen über sich selbst. Sie schlug die Hände vor den Kopf, um sich darin zu vergraben. Schließlich seufze sie erneut, diesmal lauter.
“Klingt es immer so, wenn du stöhnst?“, hörte sie eine Männerstimme fragen.
Anna erschrak.
Abgesehen davon, dass ein Fremder anmaßend zu ihr gesprochen hatte, hörte es sich an, als würde er sich direkt hinter ihr befinden. Ganz nah. Anna nahm an, Gespenster zu sehen, als sie sogar seinen warmen Atem im Nacken zu spüren meinte.
„Hm, was?!“ Sie drehte sich um.
Dabei hätte sie den Mann fast geschlagen, so nahe war er an sie herangetreten. Gekonnt machte er einen Satz nach hinten, bevor sie ihn mit dem in der Bewegung ausholenden Arm hätte treffen können. Ein paar Schritte noch ging er rückwärts, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Ohne eine deutbare Mimik zu zeigen. Nun stand er im dunklen Türrahmen des noch dunkleren Zimmers. Die eine Hand war in die Hosentasche gesteckt, die andere an den Rahmen gelehnt. Annas Schock fand seinen Höhepunkt, als sie erkannte, dass es niemand anderes als Mark war, der vor ihr stand. Ausgerechnet er. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet hier. Ausgerechnet überhaupt. Und was hatte er da eben gesagt?
„Was…“ Anna musste sich besinnen. Sie durfte sich nichts anmerken lassen. „Du hier? Was…“ Sie brauchte eine Weile. „Was willst du?!“, fragte sie letztendlich zornig.
Anna wollte ihn schnell loswerden. Jede Sekunde in Anwesenheit dieses Mannes schien gefährlich. Seine Gegenwart machte sie verrückt und genervt zugleich – eben wahnsinnig. Doch wenn er oder jemand anderes davon erfahren hätte… niemals hätte Anna sich das verzeihen können. Nun sah er sie hier, zurückgezogen und ganz allein auf der coolsten Party des Monats. Nicht einmal ihre beste Freundin war jetzt noch bei ihr. Sie mochte gar nicht daran denken, wie das für ihn aussehen musste.
Die Unsicherheit breitete sich weiter aus. Ein Grund mehr, abweisend zu werden. Verletzen oder verletzt werden, lautete die Devise, die Anna als Kind eingetrichtert worden war. Ein für die junge Frau durchaus plausibles Lebensmotto, welches ihrer Ansicht nach schmerzfreie Jahre versprach.
Dennoch hielt Anna es für klug, einen durchtrainierten fremden Mann nicht unnötig zu verärgern. Darum wiederholte sie ihre unfreundliche Frage nicht, sondern wartete ab. Mark wirkte leicht reizbar. So wie Anna, und doch auf seine eigene Weise. Die Frau wollte es nicht riskieren, schon wieder angegriffen zu werden. Die vier Lüstlinge von neulich hatten ihr gereicht.
Anna wartete ab. Mit jeder Sekunde, die verstrich, verlor sie an Selbstbewusstsein. Sie war sich nicht sicher, wie sie sich geben sollte. Welchen Blick sie aufsetzen sollte. Sie wünschte, er würde nur irgendetwas antworten und gehen. Einfach gehen. Jetzt. Für immer.
Mark aber stand still. Weder regte er den Körper, noch legte er einen Gesichtsausdruck an den Tag, der Anna hätte weiterhelfen können. Einzig allein den durchbohrenden Blick behielt er. Die klaren Augen schienen tief in sie vorzudringen. So fühlte es sich für sie an. Unter anderen Umständen hätte er sie damit fesseln können. Ein Liebhaber mit solchen Augen und solch einem Blick hätte sie zutiefst erregt. Bei Mark hingegen wirkte das Schauspiel musternd und wertend. Das gefiel Anna nicht.
Es machte sie nervös. Doch Mark blieb still. Keine Bewegung, kein Wort.
Der jungen Frau wurde das allmählich zu viel. Sie begann an ihren zarten Fingern zu spielen.
‘Was passiert hier?’, fragte sie sich. ‘Hat er mich gerade wirklich nach meinem Stöhnen gefragt?’
Schon immer hatte Annas sanfte, ruhige Stimme auf Männer jeden Alters anziehend gewirkt. Erst recht taten es ihre lustvollen Ausrufe. Sie bezweifelte jedoch, dass es Mark wirklich darum ging. Nur zu gut konnte sie sich vorstellen, dass er bei der Bemerkung gegrinst hatte. Dass er sie heimlich ausgelacht hatte, als er hinter ihr gestanden hatte. Anna wusste nicht viel, aber sie war sich sicher, ihm ging es darum, sie zu hassen. Oder einfach zu ärgern. Womit er ihr mehr Bedeutung zusprechen würde, als sie erwartet hätte. Überfordert von den eigenen Gedanken begann sie an einer ihrer Locke zu drehen.
Ein paar Mal zog sie an ihrem Haar, bis Mark die Spannung endlich löste, indem er etwas von sich gab, das die Spannung allerdings gleich danach wieder fest anzog.
„Du hast mich schon verstanden, oder nicht?“
Für Anna fühlte es sich an, als hätte ihr jemand einen Stein an den Kopf geworfen. Sie konnte nicht anders, als erneut nachzufragen. „Wie bitte?!“
Plötzlich verließ Mark den Türrahmen und ging einen Schritt auf sie zu. „Du brauchst dich doch nicht zu schämen. Klang niedlich, dein Stöhnen.“
‘Was ist niedlich, hm? Was? Was willst du? Was soll die Scheiße? Verdammt nochmal!’ In Annas Kopf war viel los. Sie konnte nicht sagen, ob sie genervt, verwirrt oder wütend sein sollte. Klar war ihr bloß: Schmeicheln wollte er ihr nicht. Ganz sicher nicht.
„Was soll das, hä?!“, meinte sie schließlich, nachdem sie sich selbstsicherer hingestellt hatte. „Du redest komisches Zeug. Geh wen anders nerven.“ Sie achtete darauf, es laut und abwertend herüberzubringen. Er sollte schleunigst von hier verschwinden.
Die Masche funktionierte insofern, dass Mark defensiv die Hände hob. „Hey, ganz ruhig, ja?“ Er wagte einen nächsten, kleineren Schritt Richtung Anna. „War doch nur Spaß.“
Sie zeigte ein aufgesetztes Lächeln. „Ja, sehr witzig…“
„Reden wir lieber über was anderes“, hieß es mit einem Mal von ihm. Ihre offensive Art konnte ihn anscheinend nicht beirren.
Anna schaute auf.
Er fuhr fort: „Du schuldest mir immer noch eine Erklärung. Und dem Jungen eine Entschuldigung.“
Anna verdrehte die Augen so, dass er es sehen konnte. „Meine Güte, das Thema also wieder?! Vergiss es!“
„Sicher?“
„Ja.“
„Ich soll’s vergessen, Anna?“
„Ja, Mann!“
Mark zeigte Unverständnis. „Was bist du denn so zickig?“ Er konnte genauso abwertend sein wie sie.
Wenn Anna eins hasste, dann war es, ‘zickig’ genannt zu werden. Weil es in den meisten Fällen stimmte.
Vor lauter Empörung blieb Anna stumm.
„Beruhig dich einfach“, meinte er daraufhin in sanftem Ton, „Ist doch alles gut.“
‘Gut? Alles ist gut? Was ist gut?’ Sie ging einen Schritt zurück.
Ihr grimmiger Ausdruck war erschlafft. Zurückgeblieben war ein Gesicht der Unsicherheit. Anna hatte Angst. Angst vor dem, was Mark ihr noch alles sagen wollte in diesem Raum. Vielleicht waren sie beide müde. Vermutlich waren sie erschöpft. Womöglich hatte einer von ihnen heute zu viele Cocktails zu sich genommen. Ihrer Meinung nach war es definitiv dieser unverschämte Herr gewesen.
„Du sprichst wirr daher“, sagte sie schließlich wieder.
„Ach, tu ich das?“ Er grinste. Als wäre es nur ein Spiel.
„J-Ja… Ja schon.“ Sie murmelte es mit zittriger Stimme.
Darauf konzentriert, ihm zu folgen und zu kontern, bemerkte Anna nicht, dass Mark sich ihr weiter näherte. Achtete sie mal nicht auf die Worte, die seinen Mund verließen, verlor sie sich in dem atemberaubenden Anblick, den er ihr bot. Selbst die Art und Weise, wie sich seine feinen Lippen bewegten, fand sie anziehend.
Ob er wusste, wie schön er war? Ob es ihm wichtig war, gut auszusehen? Ob er gerne umschwärmt wurde? Ob er oberflächlich war? Ob er deswegen viel trainierte? Ob er sie gerne verunsichert sah?
Wieder war es passiert: Anna war abgedriftet, hin zu positiven Empfindungen für ihn. Während er vor ihr stand und sie auch noch mit seltsamen Sätzen kirre werden ließ.
Sie hasste es, sich Schwächen eingestehen zu müssen. Sie war doch stark. Unnahbar. Schwer beeindruckbar war sie. Eigentlich. Annas Vorhaben hatte darin bestanden, die Zuneigung zu vertuschen. Doch die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, Zuneigung aufzubauen, ließ sie nicht mehr los.
„Tu ich das?“, wiederholte Mark flüsternd und sah ihr in die Augen. Er spitzte die Lippen, ganz leicht. Die Augen waren halb geschlossen. „Spreche ich wirr daher?“
Erst jetzt, da er leiser geworden war, bemerkte Anna, dass er direkt vor ihr stand. Wie nah er ihr gekommen war. Wieder einmal. Diesmal frontal. Da war er wieder, der warme Atem. Der durchdringende Blick. Die Nähe, die sie erschaudern ließ.
Ein kaum hörbarer Seufzer war alles, was Anna von sich gab. Wie gelähmt war sie. Von der Kälte des Zimmers war nichts mehr zu spüren. Anna war heiß geworden. Es fühlte sich schrecklich an.
Im nächsten Moment war Mark ihr so nahe, dass er nach einer ihrer langen Locken greifen und damit spielen konnte. Er streifte ihr eine Strähne aus dem Gesicht und fuhr ihr durch das dicke Haar. Ganz langsam, mit Genuss. Für keine Sekunde unterbrach er den Blickkontakt, der Anna gefesselt hielt. Mark deutete ein Lächeln an. Ihr schnürte es die Kehle zu. Da hatte sie endlich eine Mimik von ihm entdeckt. Aber was für eine? Nicht zu wissen, ob er mit ihr spielte oder gar auf sie herabsah – das war grausam für sie. Weil es um Mark ging.
Das nächste, was Anna wahrnahm, war seine Hand auf ihrer Wange. Er war dabei, sie anzufassen. Sie festzuhalten. Wie bei der ersten Bewegung für einen Kuss.
„Hey“, sagte sie und wich zurück. Bei dem Körperkontakt besann sie sich. Er hatte die Grenze überschritten.
Weit kam sie allerdings nicht. Längst hatte er sie an den Hüften gepackt. Geistesgegenwärtig festigte er den Griff sofort, als er den Fluchtversuch bemerkte. Dadurch war der Versuch zum Scheitern verurteilt, ehe er wirklich begann.
Anna presste sich weg, doch es half nichts. Sie war eine normal gebaute Frau ohne Fitness, er dagegen stark und bestimmend. Das nutzte er aus. Es schien, als wüsste er genau, was er will. Obwohl sie schimpfte und tobte, ließ er nicht locker. Sie gegen ihren Willen zu berühren, sogar festzuhalten, störte ihn nicht. Mark beging damit eine Straftat. Ihm war es egal. Scheinbar wollte er es so.
‘Warum nur, warum?’, schoss es der Gefangenen durch den Kopf. ‘Was geschieht mit mir?’
Es gelang ihr, den Kopf wegzudrehen und sich hinter ihren Locken zu verstecken. Mark ging die Sache härter an. Für einen kurzen Augenblick rüttelte er sie leicht, damit sie ihren Blick wieder auf ihn richtete.
Mit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Da packte er sie mit der einen Hand an der Schulter – die andere blieb um ihre Hüfte geklammert. Der zügige Griffwechsel ermöglichte es ihr nicht, die Gelegenheit zu nutzen und zu fliehen. Mark war schnell. Stark. Dominant. Zu gut für Anna. Weit überlegen. Ein Grund mehr für sie, sich zu fragen, was er wollte. Und warum er es sich auf diese Art holen musste. Hätte er sie nicht harmloser verletzen können? Konnte er sie nicht einfach beleidigen und gehen? Weshalb schenkte er ihr überhaupt Beachtung? Warum hier, wo sie doch offensichtlich ungestört sein wollte? ‘Ungestört’ war vielleicht das richtige Stichwort.
‘Ist er ein Lustmolch? Ein Trophäensammler, der die will, die er nicht haben kann?’
„Oh Gott…“, kam aus der geschwächten Frau heraus. Diesmal nicht, weil sie nachdachte.
Denken konnte Anna nicht mehr. Mark hatte sie soeben am Hals berührt. Erst war es ein sanftes Streicheln mit dem Zeigefinger gewesen. Jetzt liebkoste er sie an selber Stelle mit diesen schmalen, warmen Lippen.
„Hör… Hör auf…“, sagte sie leise, fast wimmernd.
Sie war nicht in der Lage, sich zu bewegen, geschweige denn ihn anzusehen. Sie schämte sich für das, was gerade passierte. Dass er sie verletzlich erleben durfte. Dennoch konnte sie sich nicht wehren. Hätte er sie nicht festgehalten, so hätte sie immer noch der Schock gelähmt. Anna war nicht nur überfordert, sie war überwältigt. Von Gefühlen und Erlebnissen, Sehnsüchten und Ängsten zugleich. Vor ihren Augen spielte sich eine Lichtshow ab, die nur sie sah.
Dem Mann entglitten beim Liebkosen sanfte Laute – als Gegensatz zu seiner fordernden Position. Mit Leichtigkeit nahm er sie ein. Ganz für sich. Bei den nächsten Liebkosungen kam die Zunge mit ins Spiel.
Sie rief: „Mark! Nein! Ah, Mark!“
„Ja. Sag ruhig meinen Namen.“ Er blieb leise. „Das gefällt mir.“ Mark grinste kurz.
„Nein! Ah, nein… Lass das! Geh weg von mir!“
Sie versuchte sich loszureißen. Es war zu spät. Er hatte es getan. Am Kinn hatte er sie gepackt, an sich herangezogen und geküsst. Auf den Mund. Seine Lippen auf ihren. Fest presste er sie an sich heran, die Augen geschlossen, das Gesicht gewohnt ausdruckslos. Anna hingegen starrte geradeaus und gab gequälte Geräusche von sich.
Um sie besser halten zu können, fasste Mark ihr an den Hinterkopf. Anna wollte etwas sagen. Irgendetwas schimpfen. Fordern, dass er loslässt. Mark nutzte die Gelegenheit, die sich dadurch bot, und steckte seine Zunge in ihren geöffneten Mund.
Anna riss die Augen weiter auf. Ihr Gesicht verzerrte sich, so weit es ihr bei diesem Kuss nur möglich war. Sie fühlte einen Wechsel aus Überraschung, Ekel und Furcht.
‘Mit der Zunge? Hat er denn gar keine Skrupel?’ Sie konnte nicht fassen, wie weit er ging, bloß um sie zu kränken – war ein Zungenkuss doch zu intim für einen Streich.
„Zier dich nicht.“
Als er das sagte, schnappte sie nach Luft. Ehe sie sich wieder fassen konnte, war er auch schon wieder drin. Das feuchte Spiel sollte noch nicht zu Ende sein.
Wieder machte sie Geräusche. Sie wurden länger, lauter. Ein neues Empfinden kam hinzu: Gefallen. Anna gefiel, was er da machte. Wie er es machte. Anna gefiel Mark. In diesem Moment. Sie fragte sich, ob er ähnlich für sie empfand. Laut ihrer neuesten Hoffnung war es mehr als nur ein Spiel. Für eine Albernheit zeigte er zu viel Einsatz – davon war sie nun überzeugt. Fest stand: Küssen, das konnte er. Das konnte er richtig gut. Anna spürte ein Kribbeln, das sich zu größerer Unvernunft zu entwickeln drohte.
Einmal noch sagte sie seinen Namen – leise und unterwürfig zart. Es war soweit. Sie war ihm verfallen. Nun sah sie keine Chance mehr, zu entkommen. Anna gab auf, gab sich hin. Darum entspannte sich ihr Körper plötzlich. Sie fasste ihm an die Ellenbogen und krallte sich daran fest. Damit erwiderte sie seine Geste. Annas Zunge brachte neue Bewegung ins Spiel. Sekunden später wagte sie es, mit der Handfläche über seinen harten Oberarm zu fahren. Wie stark er doch war…
Aber so plötzlich wie sie sich ergeben hatte, so schlagartig änderte Mark dann seine Stellung. Er lockerte den Griff, ließ sie schließlich los und drückte sie sanft nach hinten. Der Kuss war vorbei. Mark hatte es ihr damit höflich, aber direkt zu verstehen gegeben.
Anna atmete durch. Dabei sah sie ihn erschrocken an. ‘Oh Mann, was kommt jetzt?’
Doch es kam nichts. Mark stand einfach da. Zwar sah er sie immer noch an, aber Anna konnte nicht heraussehen, was er dabei dachte. So blieb die Erwartung hoch. Sie wollte warten, sehen, was als nächstes kam. Sie wollte nicht weglaufen oder schreien. Sie wartete ab. Vielleicht würde er sie nochmal küssen. Ein Teil von Anna hoffte das.
Auch Mark schnaufte einmal durch. Anna deutete es als Mischung aus Erregung und Erschöpfung. Schließlich hatte sie es ihm nicht gerade leicht gemacht, die Szene geschehen zu lassen. Es war anzunehmen, dass es ihn körperlich beansprucht, aber auch angemacht hatte.
„Also doch“, sagte er auf einmal. Das Flüstern war verschwunden, die normale Lautstärke zurückgekehrt. „So klingt es, wenn du stöhnst.“
Anna zuckte zusammen. „Hm?“
Er hatte es matt gesagt. Stumpf. Anteilnahmslos. Für sie klang es sogar… unbeeindruckt.
Sie zog die eine Augenbraue hoch. „Wie?!“
„Tja, na ja“, kam bloß von Mark.
Sie wiederholte: „Was, bitte?!“ Dabei ging sie einen halben Meter auf ihn zu. Mit prüfendem Blick. Die selbstsichere, herabsehende Anna war wieder da. Kurz: Die Zicke.
Mark steckte beide Hände zurück in die Hosentaschen seiner Jeans. „Was denn?“ Längst hatte er sich von ihr abgewandt. Zur Zeit beobachtete er den abgedunkelten Raum.
„Was soll das heißen?“, fragte sie laut. Anna wusste, dass sie unfreundlich wirkte. Sie war es für einen guten Zweck. Als Maßnahme. Aufgetragen vom hoheitlichen Selbstschutz. „Antworte!“
Ein jeder Mensch trägt Scharen von Gegensätzen in sich. So auch Mark. Auch Anna. Sie war wieder die Alte. Als wäre die Szene von eben nur ein Aussetzer gewesen. Wahrlich eine Ausnahmesituation. Ein Ausrutscher, über den man nicht weiter nachzudenken braucht.
Mark warf ihr ein leichtes Kopfnicken zu. „Bleib locker, ja? Was ist denn nun mit dem Jungen? Wirst du dich entschuldigen?“
Anna kochte vor Wut. Intuitiv ballte sich ihre Hand zu einer Faust. Sie zitterte am ganzen Körper.
„Du…“ Sie pausierte, um sich zu sammeln. Der Zorn wurde nur noch größer. Sie knurrte: „Es war alles… nur gespielt?!“
Er fragte nach, was sie meine.
„Tu nicht so unschuldig! Ich hab dich durchschaut… Mark.“
„Hä, was? Ich…“
„Ach, halt die Klappe!“, unterbrach sie ihn. „Du bist widerlich… erbärmlich.“
Sie schrie in den Raum. Es musste raus. Nun ärgerte sie sich über sich selbst. ‘Ich dummes Ding!’
„Autsch“, gab er von sich. „So denkst du über mich? Ich bin widerlich?“
„Boah, lass endlich das Frage-Spielchen! Alle Spielchen!“ Stampfend ging sie dabei auf ihn zu.
Schlagen wollte sie ihn nicht. Sie wollte brüllen und um sich hauen. Sie wollte ihn beleidigen. Bis aufs Äußerste. Er sollte verletzt werden. Härter als sie gerade. Mark hatte es tatsächlich gewagt, Anna willenlos zu machen, um sie dann vor den Kopf zu stoßen. Er hatte sie blamiert. In einem intimen Moment, welcher nur vorgespielt gewesen war. Was für eine Schande für sie beide.
Wieder hob er die Hände, um sie zu beruhigen. Mit dieser Pose kannte er sich anscheinend aus. „Hey, hey! Komm runter.“
Kurz wartete er, bis er sich sicher war, dass sie still blieb und er wirklich sprechen durfte. „Ich geb zu,“, begann er, nachdem er seine Hände wieder gesenkt hatte, „dass die Sache aus dem Ruder gelaufen ist. Aber ich wollte…“
„Die Sache?! So nennst du das also?! Oh Mann!“
So schrill und krächzend wie sie hatte er noch keine Frau schimpfen gehört. Tatsächlich kannte er keine einzige, die ihre Gefühle im Wechsel dermaßen stark verbarg und zum Ausdruck brachte. Wäre sie eine völlig Fremde gewesen, hätte er glatt Angst bekommen können. Aber war sie das denn nicht – eine Fremde?
Erneut brachte er zum Ausdruck, dass er nicht verstand: „Also jetzt bist du diejenige, die wirres Zeug labert.“ Er blieb so ruhig und geduldig, wie es ihm nach diesem emotionalen Auftritt ihrerseits möglich war. „Wovon sprichst du eigentlich, Mädchen?“
Genauso ungern wie ‘zickig’ wurde Anna ‘Mädchen’ genannt. Besonders in so einer Situation von einem solchen frauenhassenden Casanova.
„Hmpf!“, machte sie.
Nun war Anna es, die an ihr Gegenüber herangetreten war, um ihm tief in die Augen zu sehen. Mark schien das ins Schwitzen zu bringen, denn er pustete sich selbst ins Gesicht, und damit einzelne dunkle Strähnen aus dem Blickfeld. Erst jetzt bemerkte Anna den Schweiß auf seiner Stirn. Anschließend registrierte sie die Ruhe in seinen Augen.
‘Will er vielleicht wirklich, dass ich mich beruhige?’
Wieder einmal hatte Mark es scheinbar geschafft, die 21-Jährige zu verunsichern, ohne bewusst etwas dafür getan zu haben. Und wieder einmal stand sie regungslos da.
Schließlich sagte er mit ruhiger Stimme: „Bitte entschuldige. Es musste sein.“
Das traf Anna wie ein Stich ins Herz. Sie verstand, dass er seine Schandtat dadurch gerade gestanden hatte. Es stimmte also: Mark hatte mit Anna gespielt, um sie bloßzustellen. Aus Rache für den kleinen Jungen – daran bestand für sie jetzt kein Zweifel mehr. Er fand also, es hatte einfach sein müssen.
Ohne weiter darüber nachzudenken, holte Anna aus, um ihm eine kräftige Ohrfeige zu verpassen. Sie tat es also doch. Beim Aufprall knallte es einmal laut. In ihrer Wahrnehmung schien sich der Knall ewig hinzuziehen. Gut so. Er hatte es verdient.
Sogleich hielt Mark sich die Wange, denn es brannte fürchterlich. Mit Wucht war er getroffen worden. Doch er sagte erst keinen Ton.
Er starrte nur zu Boden, bis er noch einmal verlauten ließ, nur wesentlich leiser: „Bitte entschuldige.“
Ihr Gesicht verfinsterte sich, als sie meinte: „Was bist du? Ein selbsternannter Richter gegen Unhöflichkeit? Der Junge von der Straße hat mich doch längst vergessen!“
Einen letzten vorwurfsvollen Blick schenkte sie ihm noch. Dann drückte sie ihn weg, Schulter gegen Schulter, um das Zimmer zu verlassen. Mark gab sofort nach.
Keiner von ihnen drehte sich noch einmal zum anderen um. Niemand verlor ein Wort. Mark drehte den Kopf um einige Grad, wagte es jedoch nicht, ihr nachzusehen.
Auch wenn er es nur zu gern getan hätte. Er hatte es nicht anders verdient. Immer noch schmerzte die Stelle, an der er geschlagen worden war. Zu Recht.
Anna war auf dem Weg zurück zur Feier. Im Hauptsaal wollte sie sich verlieren. Die Menge sollte sie retten. Hier würde Mark es nicht wagen, sie noch einmal anzusprechen, geschweige denn anzufassen.
Eine Weile noch blieb er stehen, bis er sich umdrehte und durchatmete. Er blickte zum Türrahmen, welcher weiche Lichtstrahlen ins Zimmer fallen ließ. Kurz ging er das Erlebnis von eben noch einmal durch. Erst rieb er sich die Augen, anschließend fuhr er sich durchs ansatzweise verschwitzte Haar. Wieder schnaufte er. Mit gesenktem Kopf trottete er aus dem Zimmer. Lange hielt der Schwermut allerdings nicht an: Zurück beim Türrahmen verpasste er der Zimmerwand einen ordentlichen Hieb. Mark schrie. Er war verärgert.
‘Bitte entschuldige’, wiederholte er in Gedanken. ‘Entschuldige, Mädchen, dass ich nicht härter zu dir war. Hätte ich mich besser angestellt, wärst du mir nicht so leicht entwischt.’

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