Leseprobe
01.12.
Sie ist tot. Meine Tante, die Frau, bei der ich jahrelang, fast jahrzehntelang, gelebt habe, die zu mir war wie eine Mutter, ist tot. Immer wieder muss ich an früher denken.
Ich habe ein altes Video meiner Taufe im Kopf, das mein Vater gefilmt hat, darauf ist sie zu sehen. Ich bin ein desinteressiertes Baby, das herumgereicht wird. Sie ist eine umwerfende Frau, die in die Kamera winkt und dann einen Stuhl umwirft. Sie trägt einen albernen Hut aus ihrem Kostümverleih. Den hat sie, seit es mich gibt. Den hat sie sogar schon viel länger: den Hut und den Kostümverleih. Beide.
Sie hat immer schon in Altenau gewohnt. Jahraus, jahrein. Sie hatte es nicht so mit dem Reisen. Meinen Cousin drängte es schon früh aus dem Kaff hinaus. Sie nicht. Sie ist geblieben, auch als sie den Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster auf die grüne Wiese nicht mehr ertragen konnte.
Sie war konservativ und trug trotzdem Netzstrümpfe und alberne Hüte. Sie war etwas Besonderes. Ich vermisse sie schrecklich. Ohne sie wirkt das Städtchen trotz der fast 2000 Einwohner verlassen. Ich sitze in dem unerträglich quadratischen Wohnzimmer und blicke auf die unvergänglich wirkende grüne Wiese. Und ich entscheide: Ich muss hier raus!
02.12.
Nach dieser wochenlangen Trauer mit einem fahlen Gesicht und in schwarzen Sachen begreife ich, dass es irgendwie weitergehen muss. Und deshalb muss ich aus Altenau heraus. Was hält mich hier schon? Jakob bestimmt nicht. Damit, liebes Tagebuch, verschone ich dich. Du bist ein viel zu hübsches Buch für so hässliche Geschichten. Jeder andere findet die Geschichte unspektakulär, sie kommt in jeder billigen Daily Soap vor, aber trotzdem…
Manchmal habe ich mit Tante E „Denk fix“ gespielt. Und wenn eine Frage kam wie „Was ist Liebe?“ und der Buchstabe „S“, dann sagte sie wie aus der Pistole geschossen: „Schwachsinn.“ Und auf „Eine Krankheit mit ,L‘ “: „Liebe.“
Ich werde bestimmt so wie sie, nur verbitterter, weil ich keine Kinder haben werde, die mir das Leben versüßen, während sie es mir schwerer machen.
Ich suche nach Zugverbindungen. Wohin mit mir? Ich habe wenige Verwandte und keine Verwandten, die ich mag – bis auf…
David wird nicht sehr begeistert sein, wenn seine Cousine bei ihm auftaucht.
Er war nicht bei der Beerdigung seiner eigenen Mutter, wahrscheinlich weil er Beerdigungen verabscheut, aber wer mag die schon?
Tante E hat sich um uns gekümmert, ich habe mich um Tante E gekümmert, nun kann er sich doch um mich kümmern oder ich mich um ihn, je nachdem wie fertig er nach ihrem Tod ist… Früher waren wir unzertrennlich. Ob die alte Vertrautheit wieder kommt, wenn wir uns sehen? So etwas kann doch nicht verschwinden.
Ich packe einen bunten Koffer mit meinen Lieblingsklamotten und ein paar Schuhen zu viel. In eine kleine Reisetasche kommen drei Bücher, mein Laptop, eine Handvoll DVDs und Proviant. Was ich in zwei Sätzen sagen kann und so simpel klingt, entspricht in Wirklichkeit einer Packerei, die vier Stunden dauert. Ich bin das eben nicht gewohnt. Schweren Herzens lasse ich meine Kuscheltiere da, aber das alte Familienbild löse ich aus dem Rahmen und stecke es ein.
Das Taxi bringt mich aus dem Kurort Altenau, der mich nur noch quält. Wir fahren an Evas Stammbriefkasten vorbei, an dem Haus ihrer Freundin Linda, an ihrem Kostümverleih. Ich habe ein Schild mit dem Text „vorübergehend geschlossen“ aufgehängt. Ich schließe die Augen und denke an Julia Roberts, um mich abzulenken. Ich mag viele Filme mit ihr, besonders „Pretty Woman“. Schließlich bin ich in Goslar am Bahnhof und bald schon im Zug nach Hamburg, zu meinem Cousin David. Ein zartes Abenteuergefühl vermischt sich mit der Trauer und einer Prise Abschiedsschmerz. Ich denke an Jakobs unzählige Berührungen. Das bringt noch ein weiteres Gefühl in meinen Emotionscocktail.
Und dann fällt mir David wieder ein. Ob er sich nicht ein bisschen freuen wird, mich zu sehen? Hätte ich anrufen sollen? Vielleicht hätte er nein gesagt. Hoffentlich ist er nicht böse. Hoffentlich ist er nicht umgezogen.
Die Landschaft rast vorbei. Früher habe ich Zugfahren gemocht, weil ich dabei lernen konnte. Heute langweilt es mich. Es bremst mich in meinem Tatendrang. Ich möchte ankommen, meine erste Begegnung mit David nach so langer Zeit hinter mich bringen.
Der rote Nagellack von der Frau mir gegenüber blättert ab. Ihre Beine belegen den ganzen Fußraum. Wie kann man so viel Bein haben? Und wie kann man sein vieles Bein so rücksichtslos ausbreiten? Wenn die wüsste, was ich durchmache… Der Kaffee der Deutschen Bahn schmeckt widerlich.
Ich wirke trostlos auf mich. Mich selbst zu bemitleiden, weil ich scheußlichen Kaffee trinke und die mir gegenüber sitzende Dame unhöflich zu mir ist, ist besser als an Eva oder Jakob zu denken. Und doch ist da ein angenehmes Kribbeln und ich fühle mich etwas lebendiger, mehr im Leben stehend und sogar interessanter, wenn ich an unsere gemeinsamen Stunden denke. Jakob ist wie Schokolade.
Aber Schokolade mit Arsenfüllung.
Mir entfährt ein Seufzen. Nervös schlage ich die Beine übereinander. Ob jemand in meinem Abteil merkt, woran ich gerade denke? Der Herr, dessen Oberkörper bisher hinter einer Zeitung versteckt war, hat hoch geguckt, aber als ich ihn ansehe, vergräbt er sich wieder hinter einer Sensationsgeschichte. Mein Leben ist keine Sensationsgeschichte. Das Selbstmitleid meldet sich wieder. Hallo, Selbstmitleid! Schluss damit! Mein Leben bewegt sich weiter. Die Frau mir gegenüber ist ganz schön laut. Sie rückt sich laut zurecht, sie isst laut, sie guckt sogar laut aus dem Fenster, obwohl das eigentlich unmöglich ist.
Dann endlich ertönt es im Waggon: „Sehr geehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Hamburg-Altona.“ Mein Herz macht einen Sprung.
Hamburg kommt mir größer vor als letztes Mal. Wann war ich hier? Es ist lange her. Eigentlich wollte ich mit Tante E zusammen fahren, aber sie reist ja nicht so gern und hat es sich im letzten Moment anders überlegt.
David lebte damals schon in Hamburg. Ich besuchte ihn. Wir gingen kühl miteinander um oder jedenfalls kälter als früher, höflicher, wir lachten weniger, obwohl das nach ein paar Stunden Schnapstrinken zu zweit besser wurde. Wir lasen uns gegenseitig aus herumstehenden Büchern Absätze vor und spielten Memory.
David wohnt weit vom Bahnhof entfernt.
Als ich endlich vor seiner Tür stehe, klopft mein Herz. Der Briefkasten neben der Tür klappert. Was sage ich zu ihm? Ich darf nicht pietätlos fröhlich sein, weil wir uns wiedersehen. Aber zu steif und damit gekünstelt sollte ich auch nicht rüberkommen. Ich klingele unten an der Haustür. Er wohnt im zweiten Stock. Ein Surren ertönt, ohne dass er gefragt hätte, wer da ist. Vielleicht erwartet er jemanden. Und dann komme nur ich. Die Türklinke fühlt sich gut an, glatt und kühl. Wieso sinniere ich über Türklinken? – Jetzt ruhig durchatmen!
Ich steige die Treppen hoch zu seiner Wohnung. Er öffnet spät. „Hey, David.“ Ich mache den unbeholfenen Versuch, ihn zu umarmen. Er lässt es widerwillig geschehen. „Ehm, Sandra, warum hast du nicht angerufen?“
Ich will ihm nicht sagen, dass ich Angst hatte, er würde mich nicht sehen wollen.
„Sollte halt eine Überraschung sein.“
Es folgt eine unangenehme Pause, in der ich versuche, ungezwungen zu lächeln und er sich durch sein harry-potter-ähnliches Strubbelhaar fährt.
Warum hat er nicht gelernt, Konversation zu betreiben? Warum kann er nicht wenigstens fragen, wie es mir geht?
„Soll ich gehen?“, frage ich, als wir lange schwiegen.
Es klingelt an der Tür. Ah, vermutlich die Person, die er erwartet hat. Auf die er sich gefreut hat. Die ihm etwas bedeutet.
Ich sehe ihn an und will gerade etwas sagen, da erschrecke ich über seine plötzlich übertrieben aufgerissenen Augen.
„Rein in den Schrank!“, befiehlt er.
Hilflos schaut er sich um.
„Eh, was?“ War das jetzt ein Witz? „Wieso?“
„Frag nicht – mach! Los, los, los!“ Da verpasst er mir einen Schubs in Richtung Flurschrank.
Sehr herzliches Willkommen. Erst sagt er nichts und macht keinen Hehl daraus, dass er mich nicht sehen will, nun soll ich zwischen Putzeimer und Staubsauger Platz nehmen?!
Sofort schließt David von außen die Schranktür.
Mir ist ganz mulmig. Ich sehe nichts. Wieder klingelt es.
Lange halte ich es in der Dunkelheit nicht aus. Zum Glück lässt sich die Schranktür von innen öffnen. Ich gönne mir einen Spalt Licht und einen Blick auf meinen Cousin, der jetzt hektisch den Türöffner betätigt.
Dann lässt David einen unanständig muskulösen Mann in die Wohnung. Er passt gerade so durch die Tür und sieht aus, als sei er vom dritten Lebensjahr an Tag und Nacht im Fitnessstudio gewesen. Ich überlege gerade, ob Fitnessstudiobetreiber einen Dreijährigen an die Geräte lassen, wenn sie viel Geld von den Eltern dafür bekommen, da sehe ich auch eine ganze Menge Geld den Besitzer wechseln. Ich sehe, wie David dem Mann stumm Scheine in die Hand zählt. Kein Wort wechseln sie. Keine Minute dauert die Übergabe. Ich schließe die Schranktür lautlos und hocke wieder im Dunkeln. Was ist das für Geld? Was soll das? Ist David in Schwierigkeiten? Oder ist er der Kopf einer Mafiabande? Ich erschrecke darüber, dass ich ihm beides zutraue. Nicht, weil er je den Anschein gemacht hätte, dass etwas nicht stimme, sondern weil ich das Gefühl habe, dass er ein komplett anderer Mensch geworden ist.
Als der Mann fort ist, erschlafft Davids Körper, als würde Anspannung von ihm abfallen. Vielleicht hatte er Angst, der Muskelmann würde ihn verprügeln?!
Unaufgefordert klettere ich aus dem Schrank.
Jetzt muss er mir Rede und Antwort stehen! Ich will alles wissen.
„Wer war der Kerl?“, frage ich direkt und laut. „Wofür hast du ihn bezahlt? Was soll das?“
David unterbricht meinen Fragenkatalog, indem er die Hände hochhebt und mich mit strenger Stimme fragt: „Sandra, was willst du hier?“
„Naja –“ Ich bin zu durcheinander von dem Geschehenen. „Ich will wissen, was das eben sollte. Du siehst mich nach einer Ewigkeit wieder und dann versteckst du mich im Putzschrank? Kennst du keine Manieren mehr?
Ich sage dir, warum ich hier bin. Ich bin hier, weil ich niemanden mehr habe.“
„Wir müssen alle damit fertig werden.“ David zeigt keine Spur von Mitleid. Wo ist der sympathische Junge hin? Der Umgang mit Hamburger Muskelprotzen bekommt ihm wenig.
„Es ist spät. Ich suche dir ein Hotel. Morgen früh fährst du wieder.“
So unfassbar ich die ganze Sache finde, ich weiß nichts zu entgegnen. Ich merke, dass ich gerne seine Zuneigung erzwingen würde, dass ich um einen Menschen buhlen will, der mir gegenüber gefühllos ist. Das ist ein verbreitetes Phänomen: Man möchte gern die Liebe derer, die einen wie Dreck behandeln. Natürlich fällt mir an dieser Stelle Jakob ein.
„Lass mich doch hier schlafen!“ Ich versuche es sachlich zu sagen, so als sei das die einzig pragmatische Lösung.
„Meine Wohnung ist zu klein“, bemerkt er. „Ich brauche Rückzugsraum“, zitiert er dann noch wie aus einem Hobbypsychologiebuch.
David wählt die Nummer eines Hotels.
Das Hotelzimmer ist klein und ungemütlich. Ich werfe mich auf das Bett und fühle mich allein gelassen. Mein Gefühlschaos ist wieder da: Trauer wegen Tante E. Sehnsucht wegen Jakob. Verwirrung wegen David. Angst wegen des Muskelmannes.
03.12.
Entschlossen marschiere ich am nächsten Tag erneut zu Davids Wohnung. Energisch klingele ich an der Tür.
Wieder fragt er nicht nach, wer unten steht, als er den Türöffner betätigt.
Als er mich sieht, lächelt er. Ich bin mir sicher, er nimmt an, ich will mich herzlich verabschieden. Ich werde ihn enttäuschen müssen.
„David… Ich habe nicht vor, zu gehen.“
Er wird etwas blass um die Nasenspitze. Sagt kein Wort. “Ich liebe Hamburg eben”, sage ich grimmig. “Wer will hier schon weg?” Um zu provozieren, zähle ich auf: „Michel, Alster, Kiez.“ Er wirkt, als habe er eine Menge Argumente für meine Abreise vorzubringen.
„Ich werde mich nicht um dich kümmern können“, sagt er.
„Macht nichts“, meine ich und denke: Ich werde mich um dich kümmern.
Ich bekomme Lust, Davids Leichen im Keller zu finden und gleichzeitig im Superheldenkostüm sein Leben zu retten. Wieder überschlagen sich meine Gedanken: Ist er Täter, Opfer oder ging es gestern nur um eine Gefälligkeit unter Freunden? Ich weiß, dass ich mich nicht als Sherlock Sandra Holmes aufspielen sollte.
Das ist doch Davids Sache und er kommt seit Jahren allein klar.
Der Abschied ist ähnlich frostig wie gestern. Frierend fahre ich in mein Hotel.
Das Zimmermädchen war da. Sie hat meine Sachen umgeräumt.
Es wird dunkel. Ich vermisse den alten David und Jakob, an den ich eigentlich nicht mehr denken wollte.
Ich beginne einen Brief an David zu schreiben.
1. Versuch: zu wütend.
2. Versuch: sentimental.
3. Versuch: unleserlich.
4. Versuch: Eine Abhandlung über Zeugenschutzprogramme und ein Aufsatz über die Bestrafung von Mördern und Totschlägern.
Die Endfassung: Ich zeige ihm für jeden denkbaren Fall seine Möglichkeiten auf. Befriedigt, zumindest in diesem Sinne, schlafe ich ein.
04.12.
Ich habe davon geträumt, dass Jakob mich fest umschlungen hält, und von David, der mich aus seinen Armen reißt.
Ich quetsche den Brief in Davids Briefkasten.
Schräg gegenüber ist ein kleiner Kiosk. Als ich mich mit Kaugummi eingedeckt habe, riskiere ich einen Blick zu Davids Haus. Vielleicht sehe ich, wie er den Brief holt. Nein, ich sehe jemand anderen den Brief aus dem Kasten klauben, mit einer, ich trete vorsichtig näher, Grillzange. Er sieht kräftig aus, er könnte mich glatt umpusten, ähnlich wie Muskelmann. Anscheinend werden solche Männer in dieser Gegend gezüchtet.
Ich habe mir diese krimiähnlichen Zustände also nicht eingebildet. Habe ich David jetzt noch mehr in Gefahr gebracht oder – mich selbst?
Ein bisschen skurril ist diese Sache ja schon: Die Cousine beobachtet, wie ein fremder Mann mit einer Grillzange ihren Brief aus dem Briefkasten ihres Cousins zieht.
Ich wünschte, ich hätte es mir nur ausgedacht.
Ich (die, die alles schlimmer gemacht hat) bin wieder im Hotel. Nicht zu wissen, was los ist, ist ein furchtbares Gefühl. Habe mehrere Kilometer in meinem Hotelzimmer zurückgelegt. Da fällt mir ein, dass man mich vielleicht sucht. Es kann doch sein, dass der Grillzangenmann den Brief gelesen hat und jetzt denkt, ich würde mich einmischen und Dinge in Erfahrung bringen, die geheim bleiben müssen. Es könnte eine Paranoia sein, hervorgerufen durch den regelmäßigen Konsum von Hollywoodstreifen mit Adrenalinsteigerungseffekt, aber darauf lasse ich es nicht ankommen. Ein neues Hotel muss her. Ich werde auf den Kiez ziehen. Da wohnen lauter komische Leute, unter denen ich bestimmt nicht auffalle.
In den Schaufenstern Perücken, Peitschen und Dessous. Ich denke an Tante Es Kostümverleih. Und natürlich an Jakob.
Mein neues Hotel hat eine Bar und einen schmierigen Portier. Ich gebe einen anderen Namen an, damit meine Paranoia sich freut.
Ich spüre wieder Nervenkitzel. Außerdem Angst und Angst davor, dass ich übertreibe. „Ja, ein Nichtraucherzimmer.“
Der Portier hat graue abstehende Haare und er schmatzt beim Reden. Mein Zimmer ist bescheiden, aber sauber.
An der Wand hängt ein Portrait von einer Frau mit langer Zigarettenspitze. – Eine Raucherin im Nichtraucherzimmer. Irgendetwas finde ich daran witzig.
Die Frau auf dem Bild wirkt mondän, als hätte sie ein bedeutendes Leben. Ich fühle mich klein trotz meiner 1,73 m.
In dieser Nacht kann ich kaum schlafen. Ich denke daran, wie sehr ich an David hänge.
Als meine Eltern starben, kam ich zu Davids Mutter. Dann wurde David geboren und ich war so glücklich über einen „Bruder“.
Ich schleppte ihn durch das Haus und zog ihm Puppenkleider an. Kein Wunder, dass er Vorbehalte gegen mich hat.
Er hat mich manchmal so angesehen, als wären wir Verschwörer. Aber das ist egal. Jetzt kann er nur noch kalt vor sich hinstarren. Ich fasse den Entschluss, mir Sachen aus dem Kostümverleih aus Altenau schicken zu lassen. Für den Fall, dass ich mich verkleiden will, um nicht erkannt zu werden. Lachhaft, ich kleines Mädchen gegen diese unbekannten Grillzangenmänner. Wer immer sie sind.
Ich könnte einfach die Polizei informieren. Aber ich traue mich nicht. Entweder sie lachen, weil eine Geldübergabe in einer Wohnung nicht so außergewöhnlich ist. Oder sie nehmen es ernst, aber irgendwie bekommen die Grillzangenmänner Wind davon und machen David für die Aktionen seiner Cousine verantwortlich und liquidieren ihn. Rosige Aussichten!
06.12.
4:11 Uhr: Ich kann nicht schlafen. Mit meinem fast neuen Apple google ich David. Denke ich etwa, dass bei Wikipedia seine kriminelle Vergangenheit zu finden ist?
5:33 Uhr: Wieder und immer noch allein mit meinen Gedanken. Einmal war ich mit Jakob an einem See um 5:30 Uhr. Ich mag es, wenn er die Innenseite meiner Arme streichelt.
Ob der schmierige Portier mal eine Geliebte hatte? Vielleicht war er ja früher gar nicht schmierig?!
Ich denke zu oft an ihn. Nein, nicht an den Portier. An Jakob.
Nikolaus war für uns früher ein besonderer Tag, ein Familientag, mit Schokolade in Stiefeln, mit Spielen und Verkleidungen aus dem Kostümverleih. Das gehörte alles zu Nikolaus dazu. Deshalb fallen mir heute die vergnügten Menschen auf der Straße besonders auf.
Ich fühle mich allein. Jakob hat nicht fröhlichen Nikolaus per SMS gewünscht, vermutlich weil für die ganze restliche Welt Nikolaus nichts Besonderes ist. Aber er wird mir auch nicht zu Weihnachten schreiben. Und wenn ich mal im Krankenhaus bin, wird er mir auch keine Genesungswünsche schicken.
Es kostet doch fast nichts, einen frohen Nikolaus zu wünschen, oder? Es kostet maximal 19 Cent, mehr nicht.
Mir kommt der Gedanke, dass David tot sein könnte, ermordet mit einer Grillzange. Ich kann schwarzhumorig sein. Und ich male mir ständig solche Szenarien aus. Ich kann nichts dagegen tun. Als Tante E einmal aus dem Zoo später nach Hause gekommen ist als verabredet, habe ich mir vorgestellt, wie sie aus Versehen ins Wolfsgehege fällt und verspeist wird.
Wie wird Weihnachten erst werden, wenn Nikolaus mir jetzt schon so trostlos erscheint? Eva ist tot. Weihnachten ist tot. Als Kind soll ich Weihmann zum Weihnachtsmann gesagt haben. Fällt mir gerade so ein. Diese unbeschwerte Zeit fehlt mir.
Demnächst werde ich mir die Kostüme aus dem Verleih schicken lassen.
Abends steige ich die quietschenden Stufen zum Eingangsbereich hinunter, gehe am schmierigen Portier vorbei durch eine Glastür in die Hotelbar. Man muss ja auch mal rauskommen. Und ständig die Minibar leer zu futtern und zu trinken ist armselig.
An der Bar ein Mann. Eva würde ihn „adrett“ nennen. Ich sage „süß“. So ein bisschen wie George Clooney.
Er lächelt mich an. Ich fühle mich schlagartig schön. Wie jämmerlich! „Was trinken Sie?“, fragt er.
“Cosmopolitan!” – wie Carrie aus „Sex and the city“. Ich habe keinen eigenen Geschmack. Ich gucke ab.
„Wie heißen Sie?“ will er von mir wissen.
„S…S…S…Cynthia.“ Diesen Vornamen habe ich auch dem schmierigen Portier gegenüber angegeben.
„Ich bin Patrick.“
„Hi.“
„Hi.“
„Kommen Sie von hier?“, frage ich.
„Jo“, die Antwort.
Ich mustere ihn weiter: Er ist sicher zehn Jahre älter als ich.
„Was machen Sie so?“, fragt er.
Aus Versehen hauche ich mehr als ich spreche: „Geschäfte.“
Um Mitternacht bin ich im Bett. Er wirkte interessiert, sympathisch, vielleicht bin ich doch nicht so unfähig, Kontakte zu knüpfen.
Das wurde mir bereits in der Grundschule von meiner Klassenlehrerin attestiert. Ha! Fr. Moor, ich habe einen Kontakt geknüpft mit George Clooney. Ha!
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